ACHIM HEPP
LinkedIn Reichweite: Warum Likes und Kommentare noch keinen erfolgreichen Beitrag machen
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LinkedIn Reichweite: Warum Likes und Kommentare noch keinen erfolgreichen Beitrag machen

Du hast eine neue Kampagne gestartet, einen wichtigen Beitrag veröffentlicht oder möchtest auf eine offene Stelle aufmerksam machen. Also werden erst einmal die eigenen Mitarbeiter, Kollegen, Freunde und vielleicht sogar die Familie aktiviert. Alle sollen den Beitrag möglichst schnell liken, kommentieren und idealerweise auch teilen. Schließlich hört man doch immer wieder, wie wichtig die ersten Interaktionen für den LinkedIn Algorithmus sind.

Kann man machen. Aber was bringt das eigentlich, wenn man damit die falschen Menschen erreicht?

Wen möchte ich überhaupt erreichen?

Für mich ist das eine der wichtigsten Fragen, bevor ich einen Beitrag auf LinkedIn veröffentliche. Möchte ich Menschen in meinem bestehenden Netzwerk über etwas informieren oder möchte ich neue Menschen erreichen, die mich und meine Themen bislang überhaupt nicht kennen? Beides sind vollkommen legitime Ziele, allerdings muss ich den Erfolg eines Beitrags dann auch entsprechend unterschiedlich bewerten. Wenn ich mir über Jahre ein großes Netzwerk aufgebaut habe, in dem sich Menschen für meine Themen interessieren, kann es absolut sinnvoll sein, genau diese Menschen mit Neuigkeiten zu versorgen. Dann muss ein Beitrag auch nicht zwangsläufig weit über mein Netzwerk hinauskommen.

Anders sieht es aus, wenn ich beispielsweise neue Kunden oder potenzielle Mitarbeiter erreichen möchte. Gerade beim Recruiting geht es häufig um Menschen, die sich vielleicht noch gar nicht aktiv mit einem Jobwechsel beschäftigen und bislang keinerlei Berührungspunkte mit meinem Unternehmen haben. Wenn mein Beitrag ausschließlich Menschen erreicht, die mich oder mein Unternehmen ohnehin schon kennen, habe ich mein eigentliches Ziel möglicherweise komplett verfehlt. Und daran ändern auch hundert Likes von Kollegen und Bekannten erst einmal nichts.

Die Sache mit den gegenseitigen Likes und Kommentaren

Besonders interessant finde ich in diesem Zusammenhang einige Tipps, die in LinkedIn Schulungen, Coachings und vermeintlichen Erfolgsstrategien vermittelt werden. Vernetzt euch miteinander, kommentiert gegenseitig eure Beiträge und sorgt dafür, dass möglichst schon in der ersten Stunde viel passiert. Dann wird euch der Algorithmus schon mit Reichweite belohnen. Das Prinzip ist nicht neu und auch keineswegs auf LinkedIn beschränkt. Solche gegenseitigen Unterstützergruppen gibt es in unterschiedlichen sozialen Netzwerken schon lange. Nur wird dabei gerne vergessen, dass gegenseitige Unterstützung noch lange nicht bedeutet, dass man damit tatsächlich neue Zielgruppen erreicht.

Ich beobachte das auf LinkedIn regelmäßig bei Menschen, die mir zunächst eine Kontaktanfrage schicken und kurz danach mit einer dieser austauschbaren Fragen um die Ecke kommen. „Womit beschäftigst du dich gerade?“ oder irgendeine ähnliche Gesprächseröffnung, die vermutlich in einem Vertriebstraining als besonders clever verkauft wurde. Wenn ich mir anschließend die Beiträge dieser Personen anschaue, erkenne ich häufig dasselbe Muster. Zehn, vielleicht zwanzig Menschen, die sich gegenseitig nahezu jeden Beitrag liken und kommentieren. Oft sind sogar die Kommentare genauso austauschbar wie die ursprüngliche Kontaktanfrage. Über diese Art der Kontaktanbahnung habe ich bereits in meinem Artikel Worst Practices auf LinkedIn geschrieben.

Natürlich kenne ich die tatsächlichen Reichweiten dieser Beiträge nicht, schließlich kann ich nicht in die Analytics anderer Personen schauen. Aber wenn unter den Beiträgen ständig dieselben zehn oder zwanzig Menschen auftauchen und kaum neue Gespräche entstehen, darf man zumindest bezweifeln, dass diese Strategie besonders erfolgreich neue Zielgruppen erschließt. Was von außen nach einer aktiven Community aussieht, kann am Ende auch einfach nur eine kleine Gruppe sein, die sich gegenseitig beschäftigt.

Der LinkedIn Algorithmus ist auch nicht dumm

Dass die ersten Stunden nach der Veröffentlichung eines Beitrags wichtig sind, erzähle ich übrigens selbst regelmäßig in meinen LinkedIn Schulungen und Workshops. Gerade die ersten ein bis zwei Stunden können entscheidend dafür sein, ob ein Beitrag anschließend weiter ausgespielt wird. Deshalb empfehle ich auch, Beiträge möglichst dann zu veröffentlichen, wenn die eigene Zielgruppe tatsächlich auf LinkedIn aktiv ist, und nicht mitten in der Nacht. Allerdings macht es einen Unterschied, ob ein Beitrag in dieser Zeit auf echtes Interesse stößt oder ob immer dieselben zehn Menschen gegenseitig dafür sorgen, dass möglichst viele Likes und Kommentare zusammenkommen.

Der LinkedIn Algorithmus ist längst keine einfache Maschine mehr, die ausschließlich Interaktionen zählt und anschließend Beiträge mit besonders vielen Reaktionen an möglichst viele Menschen verteilt. LinkedIn setzt zunehmend auf KI gestützte Systeme, die Inhalte und Interessen verstehen und daraus ableiten sollen, für welche Menschen ein Beitrag relevant sein könnte. Dabei fließen zahlreiche Signale ein, darunter auch das bisherige Nutzungsverhalten und die Interaktionen mit anderen Inhalten.

Am 13. März 2026 hat LinkedIn in einer offiziellen Mitteilung zum Umgang mit künstlichem Engagement ausdrücklich erklärt, gegen sogenannte Engagement Pods vorzugehen. Gemeint sind koordinierte Gruppen, die sich gegenseitig Likes, Kommentare und Shares verschaffen, um ihre Reichweite künstlich zu steigern. LinkedIn versucht solche Muster zu erkennen, schränkt gegebenenfalls die Verbreitung entsprechender Beiträge ein und hat nach eigenen Angaben bereits Gruppen mit solchen Verhaltensmustern entfernt und Mitglieder gewarnt.

Die Vorstellung, man müsse nur zehn Bekannte zum Kommentieren bewegen und anschließend würde der eigene Beitrag automatisch tausenden anderen Menschen ausgespielt, ist deshalb reichlich naiv. Und selbst wenn solche Aktionen kurzfristig zusätzliche Impressionen erzeugen, bleibt für mich die entscheidende Frage, ob darunter überhaupt Menschen sind, die ich erreichen wollte.

Ein Blick in die Analytics hilft

Zum Glück muss ich mich bei meinen eigenen Beiträgen nicht allein auf die sichtbaren Interaktionen verlassen. LinkedIn bietet inzwischen eine ganze Reihe von Kennzahlen, mit denen ich wesentlich besser beurteilen kann, ob ein Beitrag erfolgreich war. Besonders interessant finde ich dabei die Unterscheidung zwischen Impressionen innerhalb und außerhalb des eigenen Netzwerks. Ergänzend kann ich mir ansehen, aus welchen Branchen die erreichten Menschen kommen, welche beruflichen Positionen sie haben und ob beispielsweise neue Follower oder Profilbesuche entstanden sind.

LinkedIn-Analytics: 89.513 Impressionen, davon 98 Prozent außerhalb des Netzwerks, 66.211 erreichte Mitglieder, 184 Profilansichten und 12 neue Follower.

Wenn ich neue Zielgruppen erschließen möchte, ist für mich der Anteil außerhalb meines Netzwerks ein wichtiger Anhaltspunkt. Wenn ich dagegen bestehende Kontakte informieren möchte, kann eine hohe Reichweite innerhalb meines Netzwerks genau das richtige Ergebnis sein. Allerdings sagt mir auch eine hohe Reichweite außerhalb meines Netzwerks noch nicht automatisch, dass ich die richtigen Menschen erreicht habe. Deshalb lohnt sich der Blick auf die weiteren Kennzahlen und natürlich auf das, was tatsächlich aus einem Beitrag entsteht. Welche Kennzahlen je nach Ziel sinnvoll sind, habe ich bereits in meinem Artikel Likes sind kein Geschäftsziel ausführlicher beschrieben.

Natürlich gehört bei LinkedIn auch immer ein bisschen Glück dazu. Nicht jeder gute Beitrag wird automatisch zum Reichweitenerfolg und nicht jeder Beitrag mit besonders vielen Impressionen ist deshalb ein guter Beitrag. Aber wenn ich regelmäßig meine Zahlen anschaue, erkenne ich mit der Zeit durchaus Muster und bekomme ein besseres Gefühl dafür, welche Inhalte bei welchen Zielgruppen funktionieren. Daraus lässt sich auch einiges darüber ableiten, wie LinkedIn meine Beiträge ausspielt, ohne dass ich dafür behaupten muss, den Algorithmus im Detail zu kennen.

Die eigene Bubble ist nicht das Problem

Ich habe überhaupt nichts dagegen, wenn Freunde, Kollegen oder Mitarbeiter einen Beitrag unterstützen. Wenn sie sich tatsächlich für den Inhalt interessieren und etwas Sinnvolles dazu beitragen können, ist das vollkommen in Ordnung. Und selbstverständlich gibt es auch gute Gründe, bewusst innerhalb des eigenen Netzwerks kommunizieren zu wollen. Problematisch wird es für mich erst dann, wenn künstlich erzeugte Interaktionen mit tatsächlichem Erfolg verwechselt werden oder Unternehmen glauben, mit gegenseitigen Likes und Kommentaren automatisch neue Zielgruppen erschließen zu können.

Zwanzig gegenseitige Kommentare machen aus einem Beitrag noch keinen relevanten Inhalt und aus einer kleinen Unterstützergruppe noch keine echte Community. Deshalb würde ich bei der Bewertung von LinkedIn Aktivitäten nicht zuerst auf die Likes und Kommentare schauen, sondern auf das ursprüngliche Ziel. Wenn ich neue Menschen erreichen möchte, aber dauerhaft nur in meiner eigenen Bubble stattfinde, kann ich mich über die vielen Interaktionen freuen. Mein eigentliches Kommunikationsziel habe ich trotzdem nicht erreicht.