Wenn ich in meinen LinkedIn Schulungen und Workshops über den Algorithmus spreche, gibt es einen Punkt, bei dem ich regelmäßig in überraschte Gesichter schaue: Man kann ihn für den eigenen Feed zumindest weitgehend abschalten. Das ist weder eine neue Funktion noch irgendein versteckter LinkedIn Hack. Die Möglichkeit gibt es schon seit Jahren und sie ist direkt im Feed beziehungsweise dauerhaft in den Einstellungen zu finden. Trotzdem stelle ich immer wieder fest, dass erstaunlich wenige Menschen davon wissen.
Warum ich ausgerechnet jetzt darüber schreibe, hat einen aktuellen Anlass. LinkedIn testet gerade einen neuen Aufbau des Feeds mit zwei getrennten Bereichen: „For You“ und „Network“. Im Network Feed sollen Beiträge von Menschen erscheinen, mit denen man sich bewusst vernetzt hat oder denen man folgt, während „For You“ stärker für Empfehlungen und Discovery gedacht ist. Noch ist das lediglich ein Test und es ist offen, ob und in welcher Form LinkedIn diese Ansicht breiter ausrollt. Die Diskussion darüber hat mich aber wieder an eine Möglichkeit erinnert, die wir zumindest hier in Europa längst haben.
Relevanteste oder neueste Beiträge
Standardmäßig zeigt LinkedIn „Relevanteste Beiträge“ an. Dahinter steckt das, was wir normalerweise etwas vereinfacht als den LinkedIn Algorithmus bezeichnen. LinkedIn verwendet Informationen aus dem eigenen Profil und über die Aktivitäten auf der Plattform, um Feed Inhalte anhand der vermuteten Interessen zu ordnen.
Direkt im Feed lässt sich diese Sortierung auf „Neueste zuerst“ umstellen. Wer das nicht jedes Mal aufs Neue machen möchte, kann in den Einstellungen außerdem dauerhaft die „Bevorzugte Ansicht des Feeds“ ändern. Dort stehen „Relevanteste Beiträge (empfohlen)“ und „Neueste Beiträge“ zur Auswahl.
LinkedIn beschreibt den Unterschied in den Einstellungen selbst ziemlich eindeutig. Bei „Relevanteste Beiträge“ werden Informationen aus dem Profil und den eigenen Aktivitäten verwendet, um die Inhalte im Feed anhand der Interessen zu ordnen. Bei „Neueste Beiträge“ werden diese Informationen dafür nicht verwendet und die Inhalte stattdessen in umgekehrt chronologischer Reihenfolge angezeigt.

Interessant ist dabei eine Besonderheit, die LinkedIn in der Oberfläche selbst nicht weiter erklärt. Für Mitglieder im Europäischen Wirtschaftsraum gilt laut offizieller LinkedIn Hilfe, dass bei „Neueste Beiträge“ alle Updates aus dem Netzwerk in umgekehrt chronologischer Reihenfolge angezeigt werden. Außerhalb des EWR unterscheidet sich die Funktionsweise. Für uns in Deutschland kommt die Einstellung damit tatsächlich ziemlich nah an das heran, was viele Menschen meinen, wenn sie sagen: „Ich möchte den LinkedIn Algorithmus abschalten.“
Die Details dazu beschreibt LinkedIn auch in der offiziellen Hilfe zur Feed-Sortierung.
Warum ich den Algorithmus trotzdem nicht abschalte
Genau an diesem Punkt kommt in meinen Schulungen meistens die nächste Überraschung. Denn nachdem ich gezeigt habe, dass es geht, erkläre ich normalerweise, warum ich selbst den Algorithmus gar nicht abschalten möchte.
Ich habe mehr als 5.000 Kontakte auf LinkedIn und folge zusätzlich einigen hundert Unternehmensseiten. Selbst wenn nur jeder Fünfzigste davon an einem Tag etwas veröffentlicht, entsteht daraus bereits eine Menge an Content, der ich chronologisch überhaupt nicht sinnvoll folgen könnte. Ein chronologischer Feed löst dieses Problem nicht, er sortiert die Menge lediglich nach Uhrzeit.
Der Algorithmus übernimmt dagegen einen Teil dieser Arbeit für mich und versucht aus der Masse an möglichen Beiträgen diejenigen herauszufiltern, die aufgrund meiner Interessen und meines bisherigen Verhaltens wahrscheinlich relevanter für mich sind. Natürlich funktioniert das nicht immer perfekt und jeder, der LinkedIn regelmäßig nutzt, kennt Beiträge im Feed, bei denen man sich fragt, warum man sie eigentlich gerade sieht. Das grundsätzliche Problem bleibt trotzdem: Ohne irgendeine Form der Auswahl müsste ich die Filterarbeit selbst übernehmen.
Bei einem kleinen und sehr bewusst kuratierten Netzwerk kann ein chronologischer Feed durchaus interessant sein. Bei mehr als 5.000 Kontakten und einigen hundert Unternehmensseiten möchte ich persönlich diese Arbeit aber nicht übernehmen.
Der Algorithmus ist nicht automatisch mein Gegner
Beim Thema Social Media Algorithmus wird häufig so gesprochen, als wäre der Algorithmus grundsätzlich etwas, das zwischen mir und den Inhalten steht, die ich eigentlich sehen möchte. Ich sehe ihn zunächst einmal als Werkzeug zur Reduktion von Komplexität. Er nimmt eine viel zu große Menge potenzieller Inhalte und versucht daraus eine für mich handhabbare Auswahl zu erstellen. Entscheidend ist für mich deshalb weniger, ob ein Algorithmus existiert, sondern wie gut diese Auswahl funktioniert.
Und daran bin ich als Nutzer nicht völlig unbeteiligt. Wem ich folge, mit welchen Beiträgen ich interagiere, welche Themen ich regelmäßig lese und welche Inhalte ich bewusst ausblende, liefert LinkedIn Signale darüber, was mich interessiert. Der Feed entsteht damit nicht ausschließlich durch irgendeine unbekannte Maschine, sondern auch durch mein eigenes Verhalten.
Wie man den LinkedIn Algorithmus gezielt trainieren kann, ist allerdings noch einmal ein eigenes Thema und soll deshalb auch ein eigener Artikel werden. Denn wenn ich mich schon dafür entscheide, dass LinkedIn mir einen Teil der Filterarbeit abnimmt, sollte ich dem System möglichst gute Signale dafür geben, was für mich tatsächlich relevant ist.
Was der neue Network Feed damit zu tun hat
Dass LinkedIn gerade zusätzlich mit getrennten Bereichen für „For You“ und „Network“ experimentiert, finde ich vor diesem Hintergrund spannend. LinkedIn beschreibt den Network Tab als Ort für Inhalte von Menschen, mit denen man sich ausdrücklich vernetzt hat oder denen man folgt. „For You“ soll dagegen stärker der Entdeckung dienen und auch Inhalte außerhalb des eigenen unmittelbaren Netzwerks zeigen.
Damit würde LinkedIn eine Unterscheidung sichtbarer machen, die bisher wesentlich stärker im Hintergrund stattfindet: Möchte ich gerade entdecken, was LinkedIn für relevant hält, oder möchte ich bewusst näher an meinem eigenen Netzwerk bleiben? Wie Beiträge innerhalb des neuen Network Feeds letztlich sortiert werden und ob LinkedIn den Test überhaupt für alle Mitglieder ausrollt, ist derzeit noch offen. Deshalb würde ich daraus aktuell auch keinen neuen „Feed ohne Algorithmus“ machen.
Der Test ist für mich aber ein guter Anlass, noch einmal auf die bereits vorhandene Einstellung hinzuweisen. Wer in Deutschland LinkedIn nutzt und seinen Feed auf „Neueste Beiträge“ stellt, kann das personalisierte Ranking seines Netzwerk Feeds weitgehend umgehen und die Inhalte stattdessen chronologisch betrachten.
Ich werde trotzdem bei „Relevanteste Beiträge“ bleiben. Nicht weil ich glaube, dass der LinkedIn Algorithmus immer richtig entscheidet, sondern weil ich bei der Größe meines Netzwerks gar nicht alles sehen möchte und sehen kann. Für mich ist deshalb weniger interessant, wie ich den LinkedIn Algorithmus ausschalte, sondern wie ich ihm möglichst gut beibringe, welche Inhalte ich sehen möchte. Und genau darum soll es dann in einem separaten Artikel gehen.
Weitere Beiträge zu Strategie, Content und neuen Funktionen findest du auf meiner LinkedIn Themenseite.