Wenn ich auf 2024 zurückblicke, ist für mich vor allem eines hängen geblieben: Künstliche Intelligenz wurde bei Social Media innerhalb weniger Monate vom Experiment zum alltäglichen Werkzeug. Plötzlich ließen sich Beiträge formulieren, Bilder generieren, Kommentare vorbereiten und ganze Redaktionspläne erstellen. Was im Jahr 2023 noch neu wirkte, gehörte 2024 für viele Menschen bereits zum normalen Arbeitsablauf.
Das hat vieles einfacher gemacht. Gleichzeitig wurde etwas anderes schwieriger: mit diesen Inhalten wirklich jemanden zu erreichen. Wenn jeder in wenigen Sekunden einen sprachlich perfekten Beitrag erstellen kann, wird Perfektion nicht automatisch zum Vorteil. Sie kann sogar dazu führen, dass Texte austauschbar wirken.
Bereits im März 2024 habe ich mir in meinem Beitrag „KI Texte auf LinkedIn: Warum perfekte Beiträge oft niemanden mehr berühren“ Gedanken über diese Entwicklung gemacht. Heute lässt sich mit etwas Abstand besser einordnen, wie schnell generative KI damals tatsächlich in der Arbeitswelt und auf LinkedIn angekommen ist.
2024 wurde KI im Arbeitsalltag sichtbar
Am 8. Mai 2024 veröffentlichten Microsoft und LinkedIn ihren gemeinsamen Work Trend Index 2024. Dafür wurden 31.000 Menschen aus 31 Ländern befragt. Hinzu kamen Daten aus Microsoft 365 und Erkenntnisse aus dem Arbeitsmarkt von LinkedIn.
Das Ergebnis war deutlich: 75 Prozent der Wissensarbeiter nutzten bereits künstliche Intelligenz bei der Arbeit. Besonders interessant finde ich eine zweite Zahl. 46 Prozent der Nutzer hatten erst innerhalb der vorherigen sechs Monate damit angefangen. Der entscheidende Wachstumsschub fand also zwischen Ende 2023 und dem Frühjahr 2024 statt.
78 Prozent der Befragten brachten zudem eigene Werkzeuge mit KI in den Arbeitsalltag. Die Nutzung entwickelte sich schneller als die Regeln und Strategien vieler Unternehmen. Menschen warteten nicht darauf, dass ihre Arbeitgeber einen fertigen Plan vorlegten. Sie probierten ChatGPT und andere Werkzeuge selbst aus.
Auch LinkedIn führte generative KI schrittweise ein
LinkedIn beobachtete diese Entwicklung nicht nur, sondern integrierte generative KI direkt in die eigenen Produkte. Bereits 2023 stellte das Unternehmen erste neue Funktionen vor. Dazu gehörten Formulierungshilfen mit KI für Profile und Stellenanzeigen sowie neue Werkzeuge für Recruiting und Weiterbildung.
Im März 2024 erklärte LinkedIn ausführlich, wie die neue Suche mit Unterstützung durch KI in LinkedIn Recruiter eingesetzt werden kann. Nutzer konnten ihre Anforderungen in natürlicher Sprache beschreiben. Das System übersetzte diese Angaben anschließend in eine passende Suche.
Der ebenfalls im März veröffentlichte LinkedIn Bericht zur Zukunft des Recruitings zeigte, dass 27 Prozent der befragten Fachleute aus dem Recruiting generative KI bereits nutzten oder damit experimentierten. 62 Prozent blickten optimistisch auf ihren Einfluss. Besonders häufig wurde KI eingesetzt, um Stellenbeschreibungen schneller zu formulieren und wiederkehrende Aufgaben zu automatisieren.
Diese Zahlen beziehen sich auf Recruiting und nicht ausschließlich auf öffentliche Beiträge. Sie zeigen aber, wie selbstverständlich KI im Umfeld von LinkedIn bereits geworden war. Wer Stellenanzeigen, Nachrichten und Profile mit KI bearbeitete, konnte dasselbe Werkzeug ebenso leicht für einen Beitrag verwenden.
Auch bei meinen Vorträgen merkte ich, wie präsent das Thema bereits war. 2024 sprach ich zweimal über künstliche Intelligenz und ihre Nutzung für Social Media. Dabei standen nicht nur einzelne Werkzeuge im Mittelpunkt, sondern auch die Frage, wie Menschen KI sinnvoll einsetzen können. Mehr dazu gibt es auf meiner Vortragsseite. Dort kann der Vortrag auch für Veranstaltungen gebucht werden.
Mehr Inhalte bedeuten nicht automatisch mehr Relevanz
Die Stärke generativer KI liegt darin, Hürden zu senken. Ein leerer Bildschirm verliert seinen Schrecken. Aus einigen Stichpunkten entsteht ein vollständiger Text. Rechtschreibung, Aufbau und Ton lassen sich innerhalb weniger Sekunden verbessern.
Genau hier beginnt jedoch das Problem. Wenn die Eingabe allgemein bleibt, wird auch das Ergebnis allgemein. Viele Texte folgen ähnlichen Mustern. Sie beginnen mit einer großen Behauptung, nennen drei Erkenntnisse und enden mit einer Frage an die Community. Sprachlich ist daran häufig wenig auszusetzen. Trotzdem bleibt kaum etwas davon im Gedächtnis.
Menschen reagieren nicht nur auf korrekte Informationen. Sie reagieren auf Erfahrungen, Haltung, Widersprüche, Humor und erkennbare Persönlichkeit. Ein Text darf Ecken haben. Er darf eine Beobachtung enthalten, die nur die Person hinter dem Beitrag gemacht haben kann. Genau diese Elemente fehlen, wenn KI nicht als Werkzeug, sondern als Ersatz für die eigene Perspektive verwendet wird.
Das eigentliche Problem ist nicht die KI
Ich halte wenig von der pauschalen Aussage, dass KI Texte grundsätzlich schlecht seien. Auch ein vollständig selbst geschriebener Beitrag kann langweilig und austauschbar sein. Umgekehrt kann KI helfen, einen guten Gedanken verständlicher und klarer zu formulieren.
Entscheidend ist die Reihenfolge. Zuerst braucht es eine eigene Beobachtung, eine Erfahrung oder eine Meinung. Danach kann KI beim Sortieren, Kürzen und Überarbeiten unterstützen. Wer dagegen mit einem allgemeinen Befehl startet und das erste Ergebnis ungeprüft veröffentlicht, delegiert nicht nur die Formulierung. Er delegiert auch einen Teil seiner Persönlichkeit.
Auf LinkedIn fällt das besonders auf. Die Plattform lebt von beruflichen Erfahrungen und persönlichen Einordnungen. Ein Beitrag über eine schwierige Kundenentscheidung, einen gescheiterten Versuch oder eine überraschende Erkenntnis kann Nähe schaffen. Ein perfekt formulierter Text ohne konkreten Hintergrund bleibt dagegen häufig nur Oberfläche.
So nutze ich KI für Social Media
Ich nutze künstliche Intelligenz selbst regelmäßig für Inhalte. Sie hilft mir bei der Recherche, bei der Struktur und bei der Überarbeitung. Die Ausgangsidee und die Bewertung bleiben jedoch bei mir.
- Eigene Beobachtung zuerst: Der Beitrag beginnt mit einem Gedanken oder einer Erfahrung, die tatsächlich von mir stammt.
- KI für Struktur: Ich lasse mir mögliche Gliederungen zeigen und entscheide anschließend selbst, welche davon zum Thema passt.
- Konkrete Beispiele: Allgemeine Aussagen ersetze ich durch Situationen, Zahlen und nachvollziehbare Erfahrungen.
- Sprache kontrollieren: Formulierungen müssen zu meinem Stil passen. Glatte Standardsätze fliegen wieder raus.
- Verantwortung behalten: Fakten, Links und Aussagen prüfe ich vor der Veröffentlichung.
Was sich seit März 2024 bestätigt hat
Mein Eindruck aus dem März 2024 war nicht zu früh. Die damaligen Daten zeigen, dass generative KI zu diesem Zeitpunkt bereits deutlich im beruflichen Alltag angekommen war. Die große Studie im Mai machte anschließend sichtbar, wie schnell sich die Nutzung verbreitet hatte.
Bestätigt hat sich auch die zentrale Frage meines damaligen Artikels. Wenn gute Formulierungen jederzeit verfügbar sind, verschiebt sich der Wert eines Beitrags. Nicht sprachliche Perfektion wird knapp, sondern eine glaubwürdige Perspektive.
Das ist für mich die wichtigste Erkenntnis aus dieser Entwicklung. KI kann die Produktion beschleunigen. Sie kann beim Denken helfen und handwerkliche Schwächen ausgleichen. Sie kann aber nicht automatisch entscheiden, wofür jemand steht und warum ein Gedanke für andere Menschen relevant sein sollte.
Mein Fazit
Generative KI gehört inzwischen fest zu sozialen Medien. Das lässt sich nicht zurückdrehen und das muss es auch nicht. Die Werkzeuge sind hilfreich, wenn wir sie bewusst einsetzen.
Gerade weil Texte heute so leicht produziert werden können, wird Persönlichkeit wichtiger. Ein guter Beitrag braucht eine erkennbare Haltung, konkrete Erfahrungen und eine Sprache, die zum Menschen dahinter passt. KI darf dabei unterstützen. Sie sollte aber nicht den Teil übernehmen, der einen Beitrag überhaupt erst berührend und erinnerungswürdig macht.
Update vom 25. September 2025
Bei meinem Vortrag auf dem Humbee Experience Day habe ich diesen Gedanken später noch einmal weitergeführt. Unter dem Titel „Der Mensch als Premium Feature: KI in der Kundenkommunikation“ ging es darum, dass der Mensch mit zunehmender Automatisierung nicht unwichtiger wird. Im Gegenteil: Er wird zum entscheidenden Merkmal.
Das gilt für die Kundenkommunikation genauso wie für Social Media. Je mehr Inhalte und Antworten von KI erzeugt werden können, desto wertvoller werden Persönlichkeit, Einordnung und echte menschliche Erfahrung. Genau sie schaffen Vertrauen und machen Kommunikation unterscheidbar.